Zwangsheirat _ von Tamira

Stell dir vor du würdest zwangsverheiratet… (Von Tamira)

Tagebucheintrag vom 9.10.2016

Ich war in der Bücherei, als mich Aira auf meine bunte Bluse ansprach. Sie lief immer verschleiert rum. Ihre Eltern erlaubten nicht, dass sie sich etwas anderes anzog. Plötzlich war ich mittendrin in dem ganzen. Ich wurde Zeuge einer Geschichte, die eigentlich keinem Mädchen in Deutschland passieren dürfte.

Tagebucheintrag vom 10.10.2016

Aira ist meine beste Freundin. Nach der Schule bin ich mit ihr verabredet. Ich will sie von zuhause abholen, doch auf mein Klingeln reagiert niemand. Ich höre Schreie. Ich gehe zum Fenster um nachzusehen, was los ist. Auf dem Wohnzimmerteppich war Blut zu sehen. Daneben stehen Airas Vater, ihre Mutter und noch eine Person, die ich nicht kenne. Es war ein Junge mit schwarzen Haaren, ein paar Jahre älter als Aira, die erst 14 Jahre alt ist, genau wie ich.
Dann sah ich auch etwas Blut, das die Treppe rauf führte. Schlagartig wurde mir klar, dass das nur Aira Blut sein konnte. Die anderen waren unverletzt. Airas Mutter hatte ihre Hände vor die Augen geschlagen und weinte, soweit ich es beurteilen konnte. Da niemand die Tür öffnete, beschloss ich nach Hause zu gehen und Aira morgen zu fragen, was passiert war.
„Natürlich habe ich Angst um sie“, murmle ich in Tiablas Fell. Mein Golden Retriever lag still auf dem Boden neben meinen Füßen. „Ich kann es ja nicht sagen, sonst verliert Aira vielleicht ihre Eltern“. Mir kamen Tränen in die Augen.

Tagebucheintrag vom 11.10.2016

Heute habe ich Aira in der Schule gefragt, warum sie gestern nicht aufgemacht hat. Ihr kamen sofort die Tränen. Ich wollte sie umarmen, doch sie stieß mich weg und rannte über den Pausenhof in die Mädchentoilette. Ich dachte erst sie kommt zu spät zum Unterricht, aber als sie dann gar nicht auftauchte, machte ich mir Sorgen. Nach der Stunde ging ich auf die Toilette um nach Aira zu sehen. Als ich die Tür aufmachte, hörte ich aus der hintersten Toilette ein leises Schluchzen. Ich ging auf die Toilette zu, als plötzlich die Tür aufging, Aira mir entgegenrannte und um den Hals fiel. Ihre Tränen flossen an meinem T-Shirt runter. Gott sei Dank hatten wir eine Freistunde, darum konnten wir erstmal in unser Geheimversteck gehen. Außer uns kannten das Versteck noch der Hausmeister und vermutlich alle Lehrer, aber in die Abstellkammer kam fast nie jemand. Also machten wir es uns auf den Kissen gemütlich. „Also es ist so:“, fing Aira an zu erzählen nachdem sie sich die Tränen weggewischt hatte. „Ich bin ja Muslimin und bei uns bestimmt der Vater alles, er ist das Familienoberhaupt!“ Sie machte eine Pause. „Jedenfalls soll ich einen reichen 17-Jährigen Jungen heiraten.“ Als sie es mir erzählte, kamen ihr erneut die Tränen und sie umarmte mich. „Alles ok, mach dir keine Sorgen“, versuchte ich sie zu beruhigen. „Ich hab ‚Nein‘ gesagt, aber Salat hat mich festgehalten. Als ich mich gewehrt habe, ist mein Vater aufgestanden und hat mich geschlagen. Dann hat er mich angebrüllt und gesagt, dass ich eine Schande für die Familie bin. Er hat mir so oft auf die Nase geschlagen bis ich geblutet habe.“ Aira hatte sich beruhigt, aber dann stießen ihr wieder Tränen in die Augen.
„Was macht ihr denn hier?“ fragte unsere Vertrauenslehrerin Frau Arolutzi. Sie setzte sich zu uns, als sie sah, dass Aira weint. Ich erzählte ihr die ganze Geschichte, weil Aira immer noch schluchzte. Frau Arolutzi verständigte sofort das Jugendamt.

Tagebucheintrag vom 17.10.2016

Eine Woche später ist das Jugendamt zu Aira gekommen. Ihre Eltern wollen sie jetzt nicht mehr verheiraten. Aber als Salat sie zum Kino eingeladen hat (ich war dabei) und sie Händchen haltend wieder rausgekommen sind, war mir klar, dass sie jetzt vielleicht gar nicht mehr so viel dagegen hat, ihn irgendwann mal zu heiraten.

Das war meine Geschichte über meine beste Freundin.

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