Lore und Elena

_ von Tamira

Ich bin auf dem Weg zur Schule. Als mir meine Freundin Lore ihre kalten Hände auf die Augen legt, zucke ich leicht zusammen. „Diesmal habe ich dich aber erschreckt“, jubelt sie. Lore versucht, mich andauernd zu erschrecken. Ich verdrehe die Augen und umarme meine Freundin. Ihre langen Haare die sie mit dem Lockenwickler gelockt hat, fallen ihr über die Schulter. Ich halte nicht viel von Sachen wie Schminke und Haare färben. Lore schon. Sie hat sich ihre eigentlich so schönen roten Haare blond gefärbt. Wir setzen unseren Weg zur Schule fort, wir gehen immer zusammen zur Schule, seit wir uns vorletztes Jahr angefreundet haben. Lore ist ein halbes Jahr jünger als ich. Wir sind beide 15, unsere Lieblingsfarbe ist Türkis und unser Lieblingstier ist ein Panther.
Wir sind an der Bushaltestelle angekommen, wo wir mit dem Bus direkt zur Schule fahren. Lore setzt sich hin. „Hast du dir heute endlich mal die Haare gekämmt“, sagt sie schnippisch. Lore nervt mich andauernd mit so etwas, sie will nicht einsehen, dass ich mir schon, als wir noch nicht befreundet waren, die Haare gekämmt habe. „Ich kämme sie mir immer“, gebe ich zurück. Ich schaue auf meine braunen, leicht gelockten Zottel, die an mir herunterhängen. Egal. Lore sitzt, sie schaut mich an und nimmt ihre Schultasche zur Seite, dann deutet sie auf den freien Platz. „Du musst mit mir morgen zu der Disco gehen, ich war gestern da und es ist echt abgefahren – mit DJ und so.“ Lore guckt mich an. Ich schaue sie an. Lore ist schon mit 14 immer zu Discos gegangen. Würde ich auch gerne, aber im Gegenteil zu ihren Eltern stehen meine pünktlich um 22 Uhr vor der Disco und hohlen mich ab. Lores Eltern sehen das nicht so eng. Manchmal erzählt sie, dass sie um 1 Uhr nach Hause kommt.
Lore schaut mich immer noch mit ihren Hundeaugen an. „Biiiiiteeeeee“, fleht sie mich an. „Ich werde sehen, was ich machen kann“, sage ich. Lore weiß genau, dass ich nur bis 22 Uhr draußen bleiben darf, deswegen fragt sie. „Du kannst mit zu mir kommen und übernachten, dann wissen deine Eltern nicht, dass du länger weg bist.“ Ich lächle: Lore weiß genau, wie man keinen Ärger von seinen Eltern bekommt. „Okay, morgen ist Freitag. Da haben wir eh um 13 Uhr aus, dann sage ich meinen Eltern Bescheid, dass ich morgen mit dir mitgehe.“ Wir reden noch darüber als der Bus kommt. Wir steigen ein, dann fahren wir zur Schule.
Am nächsten Tag nach der Schule fahren wir mit dem Bus zusammen zu ihr nach Hause. Ihre Mom hat Essen gemacht und bringt uns, als wir im Zimmer sitzen und gerade darüber grübeln was wir zur Disco anziehen, auf einem Teller angerichtete Snacks. „Damit ihr nicht verhungert“, sagt sie schmunzelnd. Schon ist sie wieder verschwunden. „Danke“, rufen wir beide ihr im Chor hinterher. „Was meinst du ?“ Ich krame einen luftigen Rock aus ihrem Kleiderschrank und ein bauchfreies, etwas engeres T-Shirt auf dem „Let`s Dance“ in schnörkeliger Schrift steht. Lore nickt. „Das ist es“, ruft sie freudestrahlend. Wir ziehen unsere Outfits an. Danach stellen wir uns vor den Spiegel. „Was wollen wir machen?“ Ein fragender Blick ruht auf mir. „Film?“ „Film“, sage ich.
Es ist bereits 20 Uhr, als wir das Haus verlassen. Ich habe das Outfit an, das ich mir ausgesucht habe, mein Gesicht ist geschminkt und meine Haare sind über meine Schultern geworfen. Lore hat ein enges, eng anliegendes Kleid an. Ihre Haare sind zu einem lockeren Dutt zusammen gebunden. Sie hat hohe Stöckelschuhe an. Ich hingegen nur ein paar Zentimeter hohe Stöckelschuhe. Als wir die Hälfte des Wegs mit dem Bus hinter uns haben, steigt ein süßer blonder Typ ein. Ich stupse Lore an, sie sieht ihn auch. Zum Glück steht sie eher auf dunkelhaarige Typen. Der Bus ist ziemlich voll, Lore und ich sitzen in einem Vierersitz – ich am Fenster, Lore außen. Gegenüber von uns sind noch zwei Plätze frei. Der Junge schaut sich um, sein Blick fällt auf mich. Ich schaue ihn an. Er lächelt mir zu, ich lächle schüchtern zurück. Er kommt auf uns zu. Der Junge hat eine Jeans und ein weiß-hellblaues T-Shirt an. Er setzt sich mir gegenüber ans Fenster. Ich schaue raus auf die Straße. Sie ist nass. Der Regen läuft an der Fensterscheibe herunter. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass der Typ mich anguckt. Lore flüstert mir etwas ins Ohr: „Der schaut dich die ganze Zeit an.“ Ich schiebe meine Freundin auf ihren Platz zurück. Und schiebe mir eine Haarsträhne zur Seite. Dann schaue ich ihn an, er schaut mich auch an.
„Wir müssen aussteigen.“ Meine Freundin ist bereits aufgestanden, um aus der Tür zu gehen. Ich folge ihr. Der blonde Junge ist auch ausgestiegen, er läuft mit Abstand hinter uns. Wir gehen auf die Disco zu, eine Schlange von etwa fünf Leuten steht davor, der Security-Typ kontrolliert die Ausweise, der vor der Tür stehenden Leute. Wir stellen uns an. Die Disco ist von 14 bis 18 Jahre. Der Typ will unsere Ausweise sehen. Wir zeigen sie ihm und werden reingelassen. Es ist heiß und stickig. Lore hat natürlich gleich wieder eine Jungs-Gruppe in ihre Augen gefasst. „Die sehen doch süß aus, außerdem sind die in unserem Alter“, sagt Lore. „Naja, ich finde die jetzt nicht so richtig süß“, erwidere ich ihr. Doch als ich sehe, wie der süße Typ von vorhin sich zu der Gruppe dazustellt, sind wir uns einig.
Wir gehen etwas näher zu ihnen hin und tanzen ein bisschen zu der Musik. Jetzt kommt ein neues Lied, etwas leiser und langsamer. Lore und ich nutzen die Zeit, um an die Bar zu gehen. Wir bestellen etwas zu trinken. Plötzlich stehen hinter uns die Jungs und setzen sich neben uns hin, der süße blonde Junge setzt sich neben mich. Lore und ich schlürfen an unserer Cola. Er sieht mich an. Ich schaue zu dem Jungen, er lächelt. „Hey“, sagt er schließlich. „Hey“, sage ich. „Ich heiße Mike, und du?“ Er schaut mich an. Ich schaue zu Lore rüber. Sie flirtet gerade gleich mit zwei Typen gleichzeitig. Mike sieht mich immer noch an. Lore hat mir gezeigt, wie man richtig flirtet. Ich wende gleich ihre Tricks an. Zuerst setzte ich mich gerade hin, danach wickle ich meine Haare um meinen Finger und schaue ihm in seine braunen, glitzernden Augen. „Ich bin Elena“, sage ich. „Wollen wir tanzen?“, fragt Mike. Ich willige ein.
Als wir die Disco verlassen, begleiten die Jungs Lore und mich noch nach draußen. „Wir bringen euch noch zur Bushaltestelle, wenn ihr wollt“, sagen sie „Ja, okay“, flirtet Lore. In einer kleinen Gruppe gehen wir zur Bushaltestelle. Die Jungs umarmen uns zum Abschied. Mike bleibt noch stehen, nachdem er mich umarmt hat. Er schaut mich an, ich schau ihn an. Währenddessen redet Lore noch mit den anderen. „Sehen wir uns bald wieder?“ , fragt Mike mich. „Ja“, bringe ich nur raus. Er sieht mir in die Augen, sein Gesicht kommt näher. Er küsst mich. Ich schließe die Augen. Dann sehe ich, wie die anderen uns anschauen. „Bis bald“, sagt er. Lore und ich steigen in den Bus ein. „Und?“, fragt sie mich. „Was und?“ Ich schmunzle „Und, wie war dein erster Kuss?“ Sie stupst mich in die Seite. „Ja, also … Okay.“ Wir lachen.
Als wir die Jungs das nächste Mal sehen, ist schon eine Woche vergangen. Wir treffen sie, um gemeinsam Eisessen zu gehen. Davor haben Lore und ich uns schon getroffen, um uns zu beraten, was wir anziehen. Jetzt haben wir das gleiche T-Shirt an – sie in Rot, ich in Blau. Außerdem haben wir beide Hotpants und Sandalen an. Wir treffen uns an einem etwas abgelegenen Ort am Stadtbrunnen, wo viele Teenager in unserem Alter chillen. Wir holen uns ein Eis und setzen uns zu den Jungs. Sie heißen: Daniel, Tim, Sam, Lukas und Mike. Lore hat mir erzählt, dass sie Sam süß findet. Er hat schwarze Haare und trägt ein zu langes T-Shirt.
Nach dem Eis holt Lukas eine kleine durchsichtige Tüte aus seiner Hosentasche. Ich ahne, was es ist. „Wer will?“, fragt Lukas. „Das sind Mädchen – hör auf damit, Lukas“, sagt Mike. „Sind das Pillen?“, fragt Lore. „Nichts für kleine Mädels“, antwortet Lukas. „Ich nehme welche“, sagt Sam. „Ich auch“, sagt Lore bestimmt. „Nein! Das sind Drogen, spinnst du!“, rufe ich, doch Lore hat schon welche in ihrer Hand liegen. Ich schaue zu Sam: Er grinst und hält mir die Tüte hin. Ich schüttle den Kopf. Daniel greift die Tüte. „Ich aber“, sagt er. „Spinnt ihr?“, erwidere ich. „Hör auf, Lore.“ „Ich will es doch nur mal ausprobieren“, antwortet sie mir. Sie lächelt Sam an, er lächelt zurück. Und schon hat sie es getan. Mike nimmt mich an der Hand und geht weg, er zieht mich hinter eine Hausecke. „Bitte mach so etwas niemals, okay!“ Mike schaut mir in die Augen. Ich bin wütend „Tust du das auch?“, schreie ich ihn außer Atem an. „Nein, also …“ Mike stottert. „Was?“ Ich schaue ihn mit Tränen in den Augen an. „Ich habe es nur einmal ausprobiert, ich nehme keine Drogen“, sagt Mike, während er mich in den Arm nimmt.
Als wir zurückkommen, sind die anderen auf dem Weg zu uns. „Wir gehen noch zu Sam nach Hause“, kommt mir Lore entgegen. „Kommst du mit?“ Mein Blick fällt auf ihre Hand – sie geht Hand in Hand mit Sam. „Also, was ist jetzt?“, fragt mich Lore noch einmal. Ich schaue hinter mich, wo Mike steht. Er sieht mich an. „Es ist schon 21 Uhr. Ich muss nach Hause“, sage ich und drehe mich um. „Bis dann.“ Ich winke zum Abschied. „Bis morgen in der Schule“, erwidert Lore. „Und du, Mike?“ Die Jungs schauen ihn fragend an. „Ich muss noch lernen. Bis dann.“ Mike klatscht bei seinen Freunden ab. „Ich kann dich begleiten, wenn du magst“, sagt er zu mir. „Ja“, nuschle ich. Mit den Worten gehen wir die Straße entlang. Als ich nochmal zurückschaue, sehe ich, wie Sam Lore küsst. Ich schüttle nur den Kopf – wie kann Lore nur so dumm sein? Mike hat gemerkt, dass ich sie angeschaut habe. „Lass ihr doch ihre Freiheiten.“ Er zuckt mit den Schultern. „Hmm…“ Ich würde es nicht machen.
Am nächsten Tag sitze ich allein auf der Bank bei der Bushaltestelle. Lore ist nicht gekommen. Vielleicht wurde sie von ihren Eltern gefahren, denke ich mir. Doch auch in der Schule taucht sie den ganzen Tag nicht auf. Ich schreibe ihr über Whatsapp, doch sie antwortet mir nicht. Langsam mache ich mir Sorgen. Ich rufe Mike an. Er sagt, das er seine Freunde fragen wird. Doch kurz darauf ruft er bei mir an und erzählt mir, dass seine Freunde nicht zu erreichen sind. „Mach dir keine Sorgen“, sagt Mike zum Abschied. Ich mache mir aber Sorgen.
Als ich am Tag darauf zur Bushaltestelle gehe, kommt mir Lore entgegen. „Hi“, sagt sie. Sie sieht aus, als hätte sie zu wenig geschlafen. Lore kann ihre Augen kaum offen halten. „Was ist mit dir?“, frage ich sie besorgt. „Was meinst du? Nichts, wieso?“ Ihre Stimme bebt. Im Bus sitzen wir ganz hinten. Er ist noch ganz leer, nur ein paar Leute sitzen im Bus. „Wo warst du gestern?“, frage ich sie schließlich. „Ich muss dir Bilder von gestern zeigen, war voll cool mit den Jungs“, antwortet sie mir. Doch als sie das sagt, kann ich ihr das nicht wirklich glauben. Sie holt ihr Handy aus der Tasche. „Hast du Schule geschwänzt?“, frage ich sie vorwurfsvoll. „Ja, es war viel cooler als in der Schule.“ Sie zeigt mir auf ihrem Handy ein paar Fotos. Anscheinend waren sie noch auf der Skaterbahn, danach sind sie in eine Bar gegangen – die mussten voll betrunken gewesen sein. Sie zeigt mir noch Bilder von Sams Zuhause. Sie scrollt auf ihrem Display immer weiter.
Doch plötzlich kann ich eine Person ihn BH und Unterhose erkennen. Bevor ich Fragen stellen kann, schaltet sie ihr Handy aus. „Was war das?!“ Ich mustere Lore „Was denn?“ Sie macht auf unschuldig. „Das Bild auf deinem Handy!“ Ich will ihr das Handy aus der Hand reißen, aber sie hält es fest umklammert. „Ich habe viele Bilder auf meinen Handy.“ Lore schaut zu Boden. „Jetzt, zeig her! Lore!“ Sie lässt ihre Hand sinken und gibt mir das Handy. Ich suche nach dem Bild, es ist nicht da. „Instagram“ , denke ich. Ich schließe die App und öffne Instagram. Ich kann es nicht fassen, ich sehe lauter Mädchen in Unterwäsche – eine von ihnen ist sogar nackt von hinten zu sehen. „Ist … Ist …“ Ich bekomme meinen Mund nicht zu. Ich sehe, wie Lore Tränen die Wange runterlaufen. Ich nehme meine Freundin in den Arm. „Bist das etwa du?“, frage ich sie vorsichtig. „Ja“, antwortet Lore und weint.

Von Tamira, 13 Jahre

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